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Die Sanfte

concept/ choreography
Toula Limnaios
dance/ creation
Dagmar Bock, Toula Limnaios, Carlos Osatinsky, Katja Scholz, Hironori Sugata
live-music
Ralf R. Ollertz
lightdesign
Klaus Dust
press
Silke Wiethe

 

A cie. toula limnaios production with kind support by the senate of berlin, the Fonds Darstellende Künste e.V. and the Kulturamt Pankow. presented by

 

Die Inszenierung ist inspiriert von Fjodor Dostojewskijs gleichnamiger Novelle "die Sanfte". Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird die fast wortlose Ehe eines Paares durch den Tod geschieden. Der Inhalt besteht aus zwei Geschichten: der des Mannes und der seiner Frau. Während er seine eigene Geschichte kennt, ist ihm die seiner Frau nur vermeintlich bekannt, im Grunde aber fremd. Zusammen sein und doch fremd voneinander - die Choreographie thematisiert eine „Begegnung“ zwischen zwei Menschen, die nie stattgefunden hat, die aneinander vorbeigegangen sind.

 

Im Angesicht des Todes werden nicht nur die Brüche sondern auch die Brücken der Verbindung sichtbar. Er kann nicht loslassen, lässt das Gewesene im Geist vorbeiziehen, macht die Vergangenheit zur Gegenwart. Zeiten verschränken sich, Reales und Surreales vermischen sich. Den Kokon seiner Erzählung, ein introvertiertes Gedankenportrait, durchwandert die Sanfte. Über die Geschichte des Ehemanns spinnen wir die Handlung fort, folgen nicht nur ihm, sondern entwerfen ein mehrdimensionales Bild, in dem die Frau ebenso wie der Mann zum Erzähler wird. Abgekapselten Welten treten in Zwiesprache, im Leben ungehörte Zwischentöne dringen an die Oberfläche: Metamorphosen eines Beziehungsgeflechts - Phantasien eines Wunschbildes, sanft vorbeiziehende Impressionen – Alpträume aus Wachs, Abschied und letzter Gruß, Anfang und Ende, Erinnerung und Wirklichkeit, Gewissheit und Rätselhaftigkeit, Licht und Schatten ...

 

Presse Berichte

 

DIE SANFTE

"Solange sie noch hier ist, ist alles noch gut; ich kann mich ihr nähern und sie immer wieder anschauen; morgen aber, wenn man sie fortträgt, wie soll ich dann allein bleiben?„, fragt der Ehemann einer Selbstmörderin in der Erzählung "Die Sanfte" von Fjodor Dostojewskij. Doch wirklich begegnet ist er ihr nie, sondern hat in beidseitiger Einsamkeit bis zum Moment ihres Freitodes eine fast wortlose Ehe mit ihr geführt. Die Berliner Choreographin Toula Limnaios nimmt die Geschichte einer nach innen abgeschlossenen Liebe zum Ausgangspunkt für ihr neuestes Stück, schafft aus Dostojewskis Eindringen in subtile, unausgesprochene seelische Bereiche Bilder voller Poesie.


Hinter einem Plastikvorhang schaukelt ein in sich zusammengesunkener Mann seine Frau auf einer Bahre, endlos. Unbeweglich liegt sie da, wie tot, nur ihr langes Haar weht im Wind der rhythmischen Bewegung. Ein aus Wasserfarben gemaltes Bild des Abschiednehmens und der Trauer, zerlaufen, verwischt, ein unscharfer Schemen, begleitet von einem Herzton und dem Knistern einer alten Platte, an der die Nadel hängen geblieben ist. Im Vordergrund, auf wiesengrünem Tanzteppich, zwei Paare. Die Männer, still und unbeweglich auf ihren kleinen Stühlen, beobachten die Frauen, deren Soli von fast mechanischer Explosivität sind, die zwischendurch immer wieder in verschiedene Positionen einfriert.

Von Zeit zu Zeit wechseln die Männer den Platz, doch aus welcher Perspektive sie ihre Frauen auch anschauen, deren Bewegungssequenzen ändern sich nicht oder nur wenig. Stillstand in aller Bewegung, die ewige Wiederkehr des Gleichen oder Fast-Gleichen. Selbst als sie in den folgenden Duetten miteinander tanzen, gibt es keine wirklichen Begegnungen, keine echte Kommunikation zwischen ihren Körpern. Die Tänzer, allen voran Carlos Osatinsky, bleiben dabei von einer Art gleichmütiger Melancolie und immer bar jeder Dramatisierung.


Am Rande der Szenerie spielt Toula Limnaios kongenialer Partner Ralf R.Ollertz auf einem elektronisch verstärkten Cello und lässt durch feinste Echtzeiteffekte einen ganzen Kosmos der Erinnerung entstehen. Vereinzelte Herztöne, die im Nichts verklingen, dunkel sich ausbreitende Klänge, kontrastiert von hellen, zuweilen spitzen Akzenten, erinnern an verzerrte Glöckchen und Flöten, Vogel- und Naturgeräusche. Musikalische Schwingungen, Töne und Geräusche überlagern, verdoppeln, verdreifachen sich, ein Echoraum, der akustische Weite in einer hermetischen Welt suggeriert, immer vielfältig und stets von feinster Komplexität.


Im genau abgestimmten Zusammenspiel von Tanz, Musik und Licht ist "Die Sanfte" kein "Ereignis", sondern entführt in einen eigenen, abgeschlossenen Raum, erzählt von der Unfähigkeit, sich wirklich zu begegnen und darum auch von der Ereignislosigkeit, bei aller Bewegung. Zuallererst und vor allem anderen erzählt dieses Stück aber von einer anderen Auffassung der Zeit.


Hier herrscht kein Anpassungswille an das Gebot der Geschwindigkeit, der Entwicklung, der Ereignisfülle, sondern eine sensible Lust an menschlichen Zwischenbereichen, am Subtilen und, gerade weil alle Mittel so fein eingesetzt werden, an der Stille. Unterstützt von dem Lichtdesigner Klaus Dust erweisen sich Toula Limnaios und Ralf Ollertz als Künstlerpaar,
das sich in seiner Fähigkeit, seelischen Zuständen einen atmosphärischen Raum zu verschaffen zu geben, ideal ergänzt.

TanzJournal November 2005, Elisabeth Nehring

 

 

Beredte Bilder sprachloser Stille


Schon das Eingangsbild in mattem Licht wirkt wie aus einer Tschechow-Inszenierung. Hinter Folienbahnen in Raumhöhe liegt brettsteif auf zwei Longen eine Frau mit hängendem Haar und schaukelt sich in Trance. Der Mann sieht ihr von seinem Kinderstühlchen aus unverwandt zu. Davor, auf hoffnungsgrünem Grund, verharren zwei Frauen und ein weiterer Mann. Knisterndes Pochen setzt eine Frau in unsichere Balanceversuche und ruft den Mann von hinten auf ein Stühlchen nach vorn. Zu einem Mehr an Miteinander als skulpturalen Sitz- und Liegeposen können sich die Frauen nicht verständigen, die Männer wechseln bestenfalls ihre Raumposition.

Was in Toula Limnaios’ Uraufführung „Die Sanfte“ zunächst wie choreografierter Stillstand anmutet, erweist sich rasch als hochsensible Feinzeichnung innerer Zustände der Figuren. Nach einer Erzählung von Dostojewski seziert die griechische Tanzschöpferin, die 1996 ihre Kompagnie gründete, seit 1997 in Berlin lebt und sich mit bislang 18 Arbeiten einen respektablen Namen erworben hat, die Beziehung eines Paares, dessen Wortlosigkeit zumindest bei Dostojewski mit dem vom Mann unverstandenen Selbstmord seiner Partnerin endet. Limnaios multipliziert die Konstellation auf fünf Gestalten. Als Komponist Ralf R. Ollertz am Rande auf seinem Cello die ersten Bogenstriche führt, entwickeln sich aus dem gemeinsamem Schwanken eines Paare, Sprünge der Frau auf ihren Partner zu. Der Partner funktioniert, ohne ihre Nähe zu fühlen.


Bilder sprachloser Stille sind es, die Toula Limnaios 60 intensive Minuten lang auf die Szene ihrer Spielstätte HALLE stellt. Bisweilen ruckhaft ist der Tanz, Bewegungen in der Off-Balance, ein Sinken und Kippen der Körper. Immer wieder sind es die willenlos sanften Frauen, die der Stütze bedürfen und von ihren stupiden Partnern als Heberequisit herumbugsiert werden. Küsse bleiben auf Abstand, Blicke gehen parallel ins Leere, Stürze der Frauen können die Männer lediglich bremsen, nicht verhindern, indem sie sich dämpfend unter die Fallenden schieben. Als eine Frau hinter die Folie entweicht, zaubert Licht zwei Rechtecke auf den Boden. Nur in dem einen posiert eine Frau, das andere bleibt leer – zwei Männer tun indes so, als liefe der Paarbetrieb wie gewohnt weiter.


Mit der Schauklerin vollzieht sich, Höhepunkt des gediegen komponierten Stücks, ein Duett, das nochmals alle lähmende Vergeblichkeit bündelt: Mit haarverhangenem Gesicht erduldet sie wilde Würfe und strandet mit verknoteten Armen. Hinter der Folie kann ein Paar an getrennten Longen zwar kurz in dieselbe Richtung laufen, zappelt aber bald wie an der Leimroute. Vorn lagert verquer das andere Paar, während die Sanfte vergebens ihren Kopf wendet.

Volkmar Draeger, Tanznetz / Neues Deutschland