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Die Inszenierung ist inspiriert
von Fjodor Dostojewskijs gleichnamiger Novelle "die Sanfte".
Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird die fast wortlose
Ehe eines Paares durch den Tod geschieden. Der Inhalt besteht aus zwei
Geschichten: der des Mannes und der seiner Frau. Während er seine
eigene Geschichte kennt, ist ihm die seiner Frau nur vermeintlich bekannt,
im Grunde aber fremd. Zusammen sein und doch fremd voneinander - die Choreographie
thematisiert eine „Begegnung“ zwischen zwei Menschen, die
nie stattgefunden hat, die aneinander vorbeigegangen sind.
Im Angesicht des Todes werden
nicht nur die Brüche sondern auch die Brücken der Verbindung
sichtbar. Er kann nicht loslassen, lässt das Gewesene im Geist vorbeiziehen,
macht die Vergangenheit zur Gegenwart. Zeiten verschränken sich,
Reales und Surreales vermischen sich. Den Kokon seiner Erzählung,
ein introvertiertes Gedankenportrait, durchwandert die Sanfte. Über
die Geschichte des Ehemanns spinnen wir die Handlung fort, folgen nicht
nur ihm, sondern entwerfen ein mehrdimensionales Bild, in dem die Frau
ebenso wie der Mann zum Erzähler wird. Abgekapselten Welten treten
in Zwiesprache, im Leben ungehörte Zwischentöne dringen an die
Oberfläche: Metamorphosen eines Beziehungsgeflechts - Phantasien
eines Wunschbildes, sanft vorbeiziehende Impressionen – Alpträume
aus Wachs, Abschied und letzter Gruß, Anfang und Ende, Erinnerung
und Wirklichkeit, Gewissheit und Rätselhaftigkeit, Licht und Schatten
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DIE SANFTE
"Solange sie noch hier ist, ist alles noch gut; ich kann mich ihr
nähern und sie immer wieder anschauen; morgen aber, wenn man sie
fortträgt, wie soll ich dann allein bleiben?„, fragt der Ehemann
einer Selbstmörderin in der Erzählung "Die Sanfte"
von Fjodor Dostojewskij. Doch wirklich begegnet ist er ihr nie, sondern
hat in beidseitiger Einsamkeit bis zum Moment ihres Freitodes eine fast
wortlose Ehe mit ihr geführt. Die Berliner Choreographin Toula Limnaios
nimmt die Geschichte einer nach innen abgeschlossenen Liebe zum Ausgangspunkt
für ihr neuestes Stück, schafft aus Dostojewskis Eindringen
in subtile, unausgesprochene seelische Bereiche Bilder voller Poesie.
Hinter einem Plastikvorhang schaukelt ein in sich zusammengesunkener Mann
seine Frau auf einer Bahre, endlos. Unbeweglich liegt sie da, wie tot,
nur ihr langes Haar weht im Wind der rhythmischen Bewegung. Ein aus Wasserfarben
gemaltes Bild des Abschiednehmens und der Trauer, zerlaufen, verwischt,
ein unscharfer Schemen, begleitet von einem Herzton und dem Knistern einer
alten Platte, an der die Nadel hängen geblieben ist. Im Vordergrund,
auf wiesengrünem Tanzteppich, zwei Paare. Die Männer, still
und unbeweglich auf ihren kleinen Stühlen, beobachten die Frauen,
deren Soli von fast mechanischer Explosivität sind, die zwischendurch
immer wieder in verschiedene Positionen einfriert.
Von Zeit zu Zeit wechseln die
Männer den Platz, doch aus welcher Perspektive sie ihre Frauen auch
anschauen, deren Bewegungssequenzen ändern sich nicht oder nur wenig.
Stillstand in aller Bewegung, die ewige Wiederkehr des Gleichen oder Fast-Gleichen.
Selbst als sie in den folgenden Duetten miteinander tanzen, gibt es keine
wirklichen Begegnungen, keine echte Kommunikation zwischen ihren Körpern.
Die Tänzer, allen voran Carlos Osatinsky, bleiben dabei von einer
Art gleichmütiger Melancolie und immer bar jeder Dramatisierung.
Am Rande der Szenerie spielt Toula Limnaios kongenialer Partner Ralf R.Ollertz
auf einem elektronisch verstärkten Cello und lässt durch feinste
Echtzeiteffekte einen ganzen Kosmos der Erinnerung entstehen. Vereinzelte
Herztöne, die im Nichts verklingen, dunkel sich ausbreitende Klänge,
kontrastiert von hellen, zuweilen spitzen Akzenten, erinnern an verzerrte
Glöckchen und Flöten, Vogel- und Naturgeräusche. Musikalische
Schwingungen, Töne und Geräusche überlagern, verdoppeln,
verdreifachen sich, ein Echoraum, der akustische Weite in einer hermetischen
Welt suggeriert, immer vielfältig und stets von feinster Komplexität.
Im genau abgestimmten Zusammenspiel von Tanz, Musik und Licht ist "Die
Sanfte" kein "Ereignis", sondern entführt in einen
eigenen, abgeschlossenen Raum, erzählt von der Unfähigkeit,
sich wirklich zu begegnen und darum auch von der Ereignislosigkeit, bei
aller Bewegung. Zuallererst und vor allem anderen erzählt dieses
Stück aber von einer anderen Auffassung der Zeit.
Hier herrscht kein Anpassungswille an das Gebot der Geschwindigkeit, der
Entwicklung, der Ereignisfülle, sondern eine sensible Lust an menschlichen
Zwischenbereichen, am Subtilen und, gerade weil alle Mittel so fein eingesetzt
werden, an der Stille. Unterstützt von dem Lichtdesigner Klaus Dust
erweisen sich Toula Limnaios und Ralf Ollertz als Künstlerpaar,das
sich in seiner Fähigkeit, seelischen Zuständen einen atmosphärischen
Raum zu verschaffen zu geben, ideal ergänzt.
TanzJournal November 2005, Elisabeth
Nehring
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Beredte Bilder sprachloser
Stille
Schon das Eingangsbild in mattem Licht wirkt wie aus einer Tschechow-Inszenierung.
Hinter Folienbahnen in Raumhöhe liegt brettsteif auf zwei Longen
eine Frau mit hängendem Haar und schaukelt sich in Trance. Der Mann
sieht ihr von seinem Kinderstühlchen aus unverwandt zu. Davor, auf
hoffnungsgrünem Grund, verharren zwei Frauen und ein weiterer Mann.
Knisterndes Pochen setzt eine Frau in unsichere Balanceversuche und ruft
den Mann von hinten auf ein Stühlchen nach vorn. Zu einem Mehr an
Miteinander als skulpturalen Sitz- und Liegeposen können sich die
Frauen nicht verständigen, die Männer wechseln bestenfalls ihre
Raumposition.
Was in Toula Limnaios’ Uraufführung „Die Sanfte“
zunächst wie choreografierter Stillstand anmutet, erweist sich rasch
als hochsensible Feinzeichnung innerer Zustände der Figuren. Nach
einer Erzählung von Dostojewski seziert die griechische Tanzschöpferin,
die 1996 ihre Kompagnie gründete, seit 1997 in Berlin lebt und sich
mit bislang 18 Arbeiten einen respektablen Namen erworben hat, die Beziehung
eines Paares, dessen Wortlosigkeit zumindest bei Dostojewski mit dem vom
Mann unverstandenen Selbstmord seiner Partnerin endet. Limnaios multipliziert
die Konstellation auf fünf Gestalten. Als Komponist Ralf R. Ollertz
am Rande auf seinem Cello die ersten Bogenstriche führt, entwickeln
sich aus dem gemeinsamem Schwanken eines Paare, Sprünge der Frau
auf ihren Partner zu. Der Partner funktioniert, ohne ihre Nähe zu
fühlen.
Bilder sprachloser Stille sind es, die Toula Limnaios 60 intensive Minuten
lang auf die Szene ihrer Spielstätte HALLE stellt. Bisweilen ruckhaft
ist der Tanz, Bewegungen in der Off-Balance, ein Sinken und Kippen der
Körper. Immer wieder sind es die willenlos sanften Frauen, die der
Stütze bedürfen und von ihren stupiden Partnern als Heberequisit
herumbugsiert werden. Küsse bleiben auf Abstand, Blicke gehen parallel
ins Leere, Stürze der Frauen können die Männer lediglich
bremsen, nicht verhindern, indem sie sich dämpfend unter die Fallenden
schieben. Als eine Frau hinter die Folie entweicht, zaubert Licht zwei
Rechtecke auf den Boden. Nur in dem einen posiert eine Frau, das andere
bleibt leer – zwei Männer tun indes so, als liefe der Paarbetrieb
wie gewohnt weiter.
Mit der Schauklerin vollzieht sich, Höhepunkt des gediegen komponierten
Stücks, ein Duett, das nochmals alle lähmende Vergeblichkeit
bündelt: Mit haarverhangenem Gesicht erduldet sie wilde Würfe
und strandet mit verknoteten Armen. Hinter der Folie kann ein Paar an
getrennten Longen zwar kurz in dieselbe Richtung laufen, zappelt aber
bald wie an der Leimroute. Vorn lagert verquer das andere Paar, während
die Sanfte vergebens ihren Kopf wendet.
Volkmar Draeger, Tanznetz / Neues Deutschland |