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In der HALLE lässt Toula Limnaios bei „reading tosca“
Oper und Tanz aufeinander treffen
Das Projekt ist so ungewohnt wie mutig: Der zeitgenössische
Tanz lädt Puccinis freiheitsselige Oper „Tosca“
in sein Revier. Dass es nicht um tänzerische Illustration des
Originals geht, dafür steht Toula Limnaios, eine der kreativsten
Berliner Choreografinnen. Die zierliche Griechin mit dem seit über
einem Jahrzehnt unerschöpften Kraftkontinuum interessieren
bei ihrer im Auftrag der Bregenzer Festspiele entstandenen Uraufführung
nicht die einzelnen Handlungsstränge, wohl aber die Gefühlspegel
und Verstrickungen der Protagonisten, ohne dass ihnen Tänzer
klar zugeordnet wären. Auch die Musik zu „reading tosca“
läuft in einer Bearbeitung, wie Ralf R. Ollertz sie aus einem
Festspielmitschnitt verfremdend und durch elektronische Einschübe
gefügt hat.
In Slip respektive Bikini verharren die Akteure - vier Frauen, drei
Männer - inmitten einer Landschaft aus Kleidung, Pumps, Holzstangen.
Dräuende Zitate der Ouvertüre schweben in Endlosschleife
über ihnen, immer wieder sinken die Tänzer wie unter einer
Last zu Boden. Hinter einer Folie vor der Rückwand der HALLE
deponieren sie die Utensilien, ziehen sich um, nehmen das Spiel
auf. Derweil sich der Klang angstvoll ballt, steigern sich die Gänge
der Tänzer mit Blick zur Folie, die auch Kirchenlettner oder
Theatervorhang sein könnte, in helle Aufregung. Eine Frau wird
von ihrem Partner drangsaliert, eine andere bäumt sich unter
Hammerschlägen auf eine metallene Partitur. Ohne direkte Korrespondenz
zum Schmelz der Arienschnipsel mit ihren teils sich überlagernden
Stimmen zeigt Limnaios Zustände auf. Frauen werden deformiert,
durch eine Zerrfolie beobachtet, pressen sich zum Doppelwesen in
ein Kleid. Oft hüllt Dampf die Geschlechterkämpfe ein,
gruppieren sich Männer gegen Frauen. Unter den peitschend schwingenden
Stöcken ihrer Partner ducken sich die Frauen.Zentrales Requisit
bleibt ein glutrotes Samtkleid, Symbol für Schönheit,
Liebe, Blut, von bühnenfüllendem Ausmaß. Dorthinein
schlüpfen die Akteure, lösen einander ab, drapieren den
Stoff zum Schmetterling, aus dessen Flügeln bewegte Beine ragen.
Zu „Vissi d’arte“, Toscas
Hauptarie, drückt ein Mann den Frauen seinen tragbaren Lautsprecher
in den Leib, schleppt nach rüden Nackenführungen eine
Partnerin über Kopf auf dem Rücken wie tot ab - und wird
von ihr aufs Kreuz geworfen. Unentschieden tobt der Kampf weiter.
Eine Frau mit aufgeschnallten Weinkelchen tanzt Zerbrechlichkeit,
meint auch die Brüchigkeit der Situation. Einer anderen malt
man fast nackt die Rippen nach wie zum Skelett. Limnaios gelingen
eindringliche Bilder von ebenjener Fragilität aller Beziehungen,
für die die Gestalten um Tosca nur exemplarisch stehen.
Das berückendste findet sie zum Schluss:
Eine Frau befreit sich aus der Männerbedrängnis, ragt
bald einsam aus ihren roten Stofffluten empor, wird gehoben, stürzt
ins Unsichtbare nach hinten. Parallel zum Solo in der Weite des
Kleides lief als Kontrapunkt und zur Visualisierung ihrer Gefühle
ein brillantes, sportiv gewagtes Kampfduett. Es ist, neben den Bildlösungen
und dem vorzüglichen Tänzerseptett, jenes typische Bewegungsgespür
zwischen Akrobatik und Skurrilität, das „reading tosca“
wieder zu einem Stück von Format macht.
Wieder 13.-15., 19.-22., 26.-28.6., 21 Uhr, HALLE TANZBÜHNE
BERLIN, Eberswalder Str. 10-11, Prenzlauer Berg, Kartentelefon 440
44 292, Infos unter www.halle-tanz-berlin.de
Autor: Volkmar Draeger / www.tanznetz.de
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Tod unter dem Lautsprecher
Als Opernparaphrase mit den Mitteln des
Tanztheaters könnte man das Stück «Reading Tosca»
bezeichnen, das die Choreografin Toula Limnaios im Festspielhaus
Bregenz zur Uraufführung brachte. Das Auftragswerk in der Reihe
«Kunst aus der Zeit» der Bregenzer Festspiele entstand
in Koproduktion mit dem Tanzfestival Bregenzer Frühling. Ausgangspunkt
ist die Innenraum-Variante des imposanten Seebühnen-Aufbaus
für Puccinis «Tosca» von Johannes Leiacker. Diese
«Indoor-Version» kommt nur bei Regenwetter zum Einsatz.
Das fand Intendant David Pountney schade; er regte deshalb die in
Berlin ansässige Compagnie Toula Limnaios dazu an, vor dem
riesigen Auge des «Tosca»-Bühnenbilds einen neuen
Blick auf Puccinis Oper zu werfen.
Entstanden ist eine choreografisch schlüssige
Lektüre der Oper aus tänzerischer Sicht. Für die
Klangcollage hat der Komponist Ralf Ollertz Puccinis Partitur als
Steinbruch benutzt. Ein Live-Mitschnitt der Bregenzer «Tosca»
diente ihm als Materialgrundlage. Einzelne Melodielinien bleiben
erhalten und führen als akustische Mosaiksteinchen durch das
überwiegend abstrakte Tanzgeschehen. Das Stück beginnt
mit dem Wissen, dass die Figuren sterben müssen. Die Tänzer
fallen mitten in der Bewegung zu Boden, rappeln sich auf, brechen
erneut zusammen. Hundegebell und kalter Nebel füllen die Szenerie.
Hammerschläge lassen am Boden liegende Körper aufzucken.
Die aus Athen stammende Choreografin Toula
Limnaios, die an der Folkwang-Schule in Essen ausgebildet wurde
und in der Tradition des deutschen Tanztheaters steht, konzentriert
sich auf die psychischen Spaltungen der Figuren. Sie besetzt die
Titelheldin mit vier Darstellerinnen und zeigt so ihre verschiedenen
Facetten als berühmte Sängerin und getriebene Liebende,
als Täterin und Opfer der Macht.Der Geschlechterkampf schwelt
zerstörerisch unter der Oberfläche des Stücks, ohne
dass dies im Tanz klischeehaft wirkt. Die Frauen werden von den
Männern bedrängt und in erstarrte Haltungen gezwungen.
Sie suchen aber auch selbst die Konfrontation und werfen sich kämpferisch
in Pose. Nacheinander tragen Männer wie Frauen das überlange
rote Kleid, das mit seiner Schleppe eine Blutspur durch das Stück
legt.
Toscas Arie «Vissi d'arte»
ertönt aus einem tragbaren Lautsprecher, den der Darsteller
des Scarpia den Tänzerinnen auf den Leib presst, womit er den
Gesang förmlich erstickt. Folgerichtig legt Tosca dem toten
Scarpia später statt eines Kruzifixes eine schwere Lautsprecherbox
auf die Brust. Das ist ihre Inszenierung, ihre Rache: Scarpia, der
römische Polizeichef, mit seinen Schergen ist letztlich weniger
mächtig als Floria Tosca, die widerspenstige Muse des Gesangs.
Toula Limnaios erweist sich damit als phantasievolle Choreografin
und hellsichtige Deuterin der Oper Puccinis.
„Neue Zürcher Zeitung 31.05.2008
Feuilleton
Martina Wohlthat
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Bregenzer Frühling: Uraufführung
„Reading Tosca“
Beklemmendes Tanztheater
BREGENZ - „Reading Tosca“ der Berliner Truppe cie.toula
limnaios bringt „Tosca“ in nicht nur akustisch neuem
Gewand als beklemmendes Tanztheater und erzählt zugleich viele
weitere Geschichten von Unterdrückung, Liebe und Tod. Zum ersten
Mal wirken hier die Bregenzer Festspiele und das Tanzfestival Bregenzer
Frühling zusammen.
Aufblitzende Arien
Während draußen an einem lauen Abend, wie er zur Festspielzeit
nicht selbstverständlich ist, der grüne Rasen für
das zukünftige ZDF-Studio vorbereitet wird, ist drinnen ein
Teil der Indoor- Version von „Tosca“ aufgebaut, die
David Pountney auch für das Tanztheater hatte nutzen wollen.
So dominiert eine kleinere Augenwand mit einem Gitterraster von
Fadenkreuzen die Bühne, die Seitengassen bleiben frei, erst
zum Schluss senkt sich die ebenfalls mit einem Auge bemalte Decke
bedrohlich von oben herab.
Das Thema von „E lucevan le stelle“ wabert leise durch
den Raum, ein Hund bellt, vier Frauen und drei Männer stehen,
nur mit Unterwäsche bekleidet, auf der Bühne, brechen
zuckend zusammen. Die Stimmung ist angespannt und hektisch, wenn
sie sich ihre Kleidung und
hochhackigen Schuhe zusammensuchen, rasch über die Bühne
gehen – einer im langen Mantel, der Kutte ebenso wie Uniformmantel
sein könnte, eine der Frauen wie ein Schatten verfolgt. Die
Frage nach dem „who is who“ oder Opernrollen scheint
aufgehoben, in stetem Fluss ergeben sich Personenkonstellationen,
Begegnungen, die zunehmend intensiver werden. Die Körpersprache
von Toula Limnaios, der griechischen Choreographin ist ungemein
expressiv, eckig und zuckend. Zahlreiche Gesten der Unterdrückung
und Unterwerfung, aber auch von Symbiose und Spiegelung zeichnen
ein oft wechselndes Beziehungsgeflecht. Man kann es mit der Oper
in Verbindung bringen, muss aber nicht.
Höchst effektvoll ist neben den bunten Alltagsgewändern
ein leuchtend rotes Kleid mit riesiger Schleppe, die sich wie ein
Zelt ausbreiten lässt: Alle können es anziehen, zur Musik
des „Te Deum“ schlüpft der japanische Tänzer
in das Kleid, während die zwei anderen Tänzer mit
Stöcken die vier Tänzerinnen bedrohen. Blut, Leidenschaft,
Erotik und Verzweiflung sind in diesem Kleid symbolisiert.
Die starken Bilder werden durch die Musik von Ralf R. Ollertz noch
intensiviert: Der Mitschnitt einer See-Aufführung wird von
ihm aufbereitet, vielfach zerstückelt, verfremdet, gescratcht
und mit elektronischen Mitteln erweitert. Wenige Motive oder Arien
blitzen erkennbar oder unverändert auf, und doch ist die Nähe
zur Oper durchaus da, ebenso wie auch Elemente der Bregenzer Inszenierung
präsent sind. Für 70 Minuten wird man hineingezogen in
eine verstörende Ausdruckswelt, die viele Deutungsmöglichkeiten
und Assoziationen schafft und die noch lange nachwirkt.
Katharina von Glasenapp
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