the silencers

Presseberichte

 

Furien und Geister kann man ja problemlos tanzen lassen – die machen richtig was her, aber:
Kann man eigentlich auch Stille tanzen? Kann man Stille in Bewegung, in zeitgenössischen Tanz umsetzen? Und wie wird das wohl aussehen, wenn mit Toula Limnaios, eine Choreographin, die man schon als Philosophin des Tanzes oder als Poetin innerster Gefühle bezeichnet hat, genau dies versucht? Für ihr neues Stück „the silencers“ hat sich die Berliner Choreographin die Stille als Thema gewählt. Unser Tanzkritiker Frank Schmid hat die Premiere gestern in der HALLE in Berlin - Prenzlauer Berg gesehen.

Wie ist das denn nun, kann man die Stille tanzen? Was sagen Sie?

Kommt drauf an, wie man Stille interpretiert. Also bei Toula Limnaios ist das so, dass Stille für sie nicht die Abwesenheit von Geräusch ist und sie ist auch kein Stillstand, also die Abwesenheit von Bewegung. Für sie ist Stille offensichtlich so etwas wie ein innerer Zustand, ein geistiger und seelischer Zustand, ein Zustand der Offenheit, der Durchlässigkeit, vielleicht sogar ein Zustand von Erinnerungslosigkeit und Ratlosigkeit. So bewegen sich nämlich ihre Tänzerinnen und Tänzer so, als befänden sie sich in einer Art Übergangsstadium, als hätten sie keine Vergangenheit und keine Zukunft und als wäre ihnen ihre Gegenwart sowieso ein großes Rätsel. Dabei sind sie keine Figuren ohne Persönlichkeit, im Gegenteil, sie haben Charakter, sie haben individuelle Ausdrucksformen, sie haben auch ihre „Macken“. Aber es ist eben dieser Zustand der fließenden Individualität, so würde ich das mal sagen, als hätten sie eben keinen Besitz mehr über ihre eigene Geschichte, ihre Biografie und Erfahrung. Das ist ein sehr gefährlicher Zustand, aber auch ein sehr schöner, weil er ungeheure Freiheiten bietet. Und es ist ein Ausnahmezustand. Und Ausnahmezustände kann man, wie eben Furien, sehr gut tanzen.

Wie sieht das genau aus? Wie tanzt man denn einen Ausnahmezustand? Wie muß man sich das vorstellen?

Ja, also, meiner Meinung nach ist Toula Limnaios in ihrem eigentlich ja sowieso schon sehr stark entwickelten Tanzstil hier noch einen kleinen Schritt weiter gegangen. Also es ist so, es ist wieder mal ein sehr formaler Tanz, der von innen heraus innere Seelenzustände sehr intensiv darstellen kann - also ohne diese zu verdeutlichen, in Geschichten oder in Bilder zu packen - das ist das Formale daran. Sie ist wieder dem Nicht-Zeigbaren und dem Nicht-Sagbaren auf der Spur. Und sie hat wieder sehr zerbrechliche, sehr vergängliche Bewegungen entwickelt. Bewegungen, die niemals gefällig sind, die rätselhaft sind, die bildstark und gestisch sind, aber niemals eindeutig lesbar. Das ist eben ihre ganz besondere Kunst. Und hier scheint sie mir eben noch einen kleinen Schritt weiter gegangen zu sein in so einer Art Existenzialismus ohne Tragik. Wie sieht das aus? Also, da sucht eine Frau auf völlig dunkler Bühne mit einer Taschenlampe ihren eigenen Weg und sogar ihre eigenen Füße, da klopft sich eine andere Frau immer ganz leicht mit der Faust gegen die Stirn, als würde sie sich vergewissern wollen, dass da tatsächlich etwas ist und da sitzt ein Mann auf einem Hocker und eine Frau liegt bäuchlings auf seinen Oberschenkeln und er wiegt und schaukelt sie immer hin und her, was ein bisschen wie ein Kinderspiel aussieht, aber eigentlich sehr viel mehr ist, nämlich ein Kampf mit der Schwerkraft und auch ein Kampf mit der Begrenztheit des Körpers. Und es ist vor allen Dingen kein Miteinander der Beiden, sie sind immer - alle Tänzer - immer kontaktlos zueinander. Da ziehen sich dann z.B. auch Frau und Mann immer hektisch ihre Kleidung an und aus und vertauschen sie dann. Also plötzlich hat er ihren Rock an und sein Jackett und sie ihre Bluse und seine Hose. Was aber soviel bedeutet, wie, hier ist alles in einem fließenden Zustand. Auch die Individualität ist nicht eindeutig festgelegt. Das alles eben getanzt in dieser ganz besonderen Stimmung, in diesem sonderbaren Zustand der Offenheit für alles.

In den vorigen Produktionen von Toula Limnaios, da haben ja Musik und Licht und Raum immer eine große Rolle gespielt. Wie sieht es hier aus?

Oh, das ist hier auch wieder so. Die Musik stammt von ihrem langjährigen Weggefährten und dem Musiker und Komponisten Ralf R. Ollertz. Mit ihm zusammen hat sie vor 12 Jahren die Compagnie gegründet, in Brüssel. Das ist wieder so eine Klangcollage aus Maschinengeräuschen, Liedzitaten, Alltagsgeräuschen, von ihm selbst dann auf der Bühne live gespielt mit Trommel und Cello. Irritierender, anregender Sound, der sehr dramatisch ist und sehr szenisch ist, der sich sehr gut tanzen lässt. Und für den Raum hat sich Toula Limnaios diesmal was ganz besonders ausgedacht.
Der Zuschauer bekommt nämlich weiße (oder) schwarze Eintrittskarten und wir werden, wenn wir in die ehemalige Turmhalle hineingehen, getrennt. D. h. wir sitzen auf zwei Tribünen auf den gegen- überliegenden Seiten der Bühne und in der Mitte befindet sich die Bühne und die Bühne ist noch mal getrennt durch einen Gaze-Vorhang. Auf jeder Seite tanzen drei Tänzerinnen und Tänzer und der Gazevorhang ist halbdurchsichtig. D.h. wir sehen nur so schemenhaft, was wohl auf der anderen Seite des Gazevorhangs passiert. Und ich habe mir erklären lassen, dass nicht dasselbe getanzt wird. Also, dass auf beiden Seiten unterschiedliche Dinge passieren. Also, man kann sich das zweimal angucken und dann das zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Alles in allem ist es ihr gelungen, wieder ihre Ausnahmestellung innerhalb der Berliner Tanzszene zu bestätigen. Man geht auch hier aus „the silencers“ wieder ganz angeregt, ganz irritiert raus. Und mir ging es so: Ich hab mir gewünscht, ich würde das alles noch mal sehen können und ein bisschen langsamer, damit ich es wirklich wahrnehmen kann.

Naja, es hält Sie ja niemand davon ab, noch mal reinzugehen. Frank Schmid über „the silencers“ - der neuen Choreographie von Toula Limnaios. Zu sehen in der Spielstätte der Compagnie, und zwar in der HALLE. Das ist in der Eberswalder Str. 10 in Berlin - Prenzlauer Berg.


RBB Kulturradio, Frühkritik, 5 min, Sa, 22.11.2008.

 

Schreiende Stille
the silencers – Uraufführung der cie. toula limnaios in der HALLE Tanzbühne Berlin

Als Zuschauer betritt man die Halle in der Eberswalderstraße seitlich über einen Lichtpfad im Hof. Der Abendhimmel liegt über den hohen Häuserfronten wie auf den Bildern von Konrad Knebel. Wenn die Tür sich öffnet, platziert sich das Publikum zu beiden Seiten einer durch hohe Gaze geteilten Spielfläche. Ein tiefes lautes Dröhnen erfüllt die Dunkelheit. Abrupt bricht es ab und in der Stille beginnen sich einzelne Menschen im Lichtkreis einer Taschenlampe zu bewegen. Diffus outen sich zu beiden Seiten je zwei Frauen und ein Mann. Doch in den folgenden siebzig Minuten kann der Blick des Betrachters nie alle sechs Protagonisten zugleich erfassen. Ganz langsam entwickelt sich ein vielfaches Puzzle von Endzeit-Zuständen und frustrierenden Begegnungen von Mann und Frau, die jeweils in den Aktionen der hinter der Lichtwand Agierenden assoziativ erweitert werden. Die Zweiteilung des Aktionsraumes erzeugt seitenverkehrte Spieglungen, zeitversetzte Echos und zugleich autonome Aktionen. Die dunkle Klangcollage von Ralf R. Ollertz gibt dem Alb-Traum spannungsvolle Kontur. Wenn der Komponist live trommelnd das Solo eines Mannes voran zu treiben sucht und der ostinate Rhythmus zeitversetzt im Raum schwingt, verharrt der Mann wie festgefroren fast am Platz.

Toula Limnaios unternimmt mit ihrer hochmotivierten und teils neu formierten Kompanie in „the silencers“ eine Reise in die Abgründe des Seins. Eine tänzerische Selbstbefragung, beklemmend beleuchtet im Lichtdesign von Klaus Dust. Schicht für Schicht tasten, rufen, suchen Menschen verzweifelt das andere Leben im eigenen. Der Zuschauer wird zum Beobachter menschlicher Urängste vor sich Selbst. Ein traumatisches Agieren atomisierter Existenzen, die Kleider und Partner wechseln, die voller Energie um sich selbst kreisen, die sich selbst fremd geworden sind und zugleich das eigene Spiegelbild mit gereckten Armen ertasten wollen. Verstopfte Münder. Im erschrockenen Wimmern erstickt ein Walzermotiv. Ein Paar (Mercedes del Rosario Appugliese, Roberto Zuniga Fallas neu im Ensemble) im apokalyptischen Endzeitduett in frappierender Synchronität, affenähnlich hockend mit zuckenden Bewegungen und Händen, die immer wieder die Augen bedecken. Faszinierend bis in die kleinsten Regungen der Finger die Studie einer mehrfach gebrochenen Frau im raschelnden Mantel überm Cocktailkleid, die in der intensiven Interpretation durch Fleur Conlon (neu im Ensemble) auf hochhackigen Schuhen die waghalsigsten Arabesquen probiert, doch nicht von der Stelle kommt. Ein schöner Vogel, flugunfähig.


Toula Limnaios choreografiert und inszeniert in der schreienden Stille die Einsamkeit, die Verlorenheit, die Erstarrung in den Ritualen des Gewöhnlichen. Ein dumpf erahnbares Gefühl der Leblosigkeit, doppelt beklemmend durch die Schönheit, Expressivität und Jugend der Interpreten.
Wie ein Gedicht Zeile für Zeile und Wort für Wort die Bedeutungen modelliert, so gibt das Trio hinter der Wand (Ute Pliestermann, Kayoko Minami und Hironori Sugata) dem Geschehen neue Sichten.
Mehrfach ertönt das „Hallo? Hallo?“ einer Telefonstimme. Ein Mann klammert sich an eine auf dem Kopf stehende Frau (und umgekehrt), doch zwischen den nackten Schenkeln steht die Welt weiter auf dem Kopf. Wo ist das Leben geblieben? Stimmen aus dem Megaphon. In einer Endlosschleife dockt eine Frau ihren Körper an einen Staubsaugerschlauch. Im finalen Black verlischt das Bild von Tod, Zivilisationsmüll und Sehnsucht nach Lebendigsein.


Autor: Dr. Karin Schmidt-Feister

 

Aufführungen 2009

21. - 24. & 28. -31. Mai 2009 HALLE TANZBÜHNE BERLIN

05. - 07. Juni 2009 Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt/Main

16. -31. August 2009 Brasilien Tournee